Es grünt so grün

Nirgendwo ist der Himmel über Berlin so schön wie am Tempelhofer Feld. Weit spannt er sich hier über die große Freifläche. Die Großstadt rückt in den Hintergrund und man hat einen Blick fast bis zum Horizont. Sonne, Wind und Wolken können sich hier ebenso austoben wie die Menschen, die mit Rädern, Inlineskates, Drachen und Skateboards über die ehemalige Rollbahn rasen.

Allmende Kontor im Mai

Am Rande geht’s beschaulicher zu. Seit Frühjahr sind hier verschiedene Gartenprojekte entstanden, deren Früchte so langsam zu sehen sind:

  • Auf dem Pionierfeld am Columbiadamm will Stadtacker / Stattacker – eine vom Jobcenter geförderte Maßnahme – einen Kunst- und Nutzacker entwickeln und umsetzen
  • Im Stadtteilgarten Schillerkiez (Nähe Oderstraße) bepflanzen und gestalten Anwohnerinnen und Anwohner eine etwa 1000qm große Fläche und
  • direkt nebenan plant der Allmende Kontor, eine Vernetzungsstelle für interkulturelle und Gemeinschaftsgärten in Berlin zu werden.                                     Weiterlesen

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Und immer wieder – Tango

Tango 2011

Tango 2005

In Buenos Aires stromern wir einen langen Nachmittag durch das alte Stadtviertel San Telmo, in dem es nur Schätze und Trödel aus dem letzten Jahrhundert zu geben scheint: schnörkelige Tische, vergilbte Fotos, alte, von der Zeit weichgewordene Ledertaschen, die berühmten Siphonflaschen. In den Antiquitätenläden und auf dem großen sonntäglichen Trödelmarkt reiht sich Teures und Tand gleichmütig aneinander. Und natürlich: Tango. Mit allem was dazugehört: streng zurückgekämmte Haare bei den Damen, steife Hüte à la Carlos Gardel auf den Köpfen der Herren, ernste Mienen, Geigen und Bandoneons. Ich mache ein Foto von einem älteren Paar, das auf dem Plaza Doredo versunken tanzt. Irgendwie kommen sie mir bekannt vor, denke ich, als ich auf den Auslöser drücke. Viel später, zurück in Berlin, finde ich in einer Kiste ein Bild, das ich am Ende meiner Weltreise 2005 in Buenos Aires gemacht habe: Das gleiche Paar. Der gleiche Blick. Gesenkte Lider bei der Tangodame, gespitzte Lippen beim Herrn. Die Schrittrichtung – die gleiche. Die Kleidung – immer noch elegant, wenn auch nicht mehr ganz so korrekt – das Hemd nicht mehr bis oben zugeknöpft, die Hose ein wenig ausgebeulter – vielleicht kommt das mit dem Alter, eine gewisse Gleichgültigkeit und ein Selbstvertrauen, das es auf solche Dinge wie einen perfekt sitzenden Anzug nicht ankommt im Leben. Mein Blick wandert zwischen den Fotos hin und her. Die Jahre fließen ineinander. 2005, 2011, 2017 – was macht das schon? In San Telmo tanzen sie einfach weiter.

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Auf Sonnenspuren

Einige Wochen sind vergangen. Wir waren unterwegs auf den Spuren der Sonne – auf der Isla del Sol im Titicacasee, am gleißenden Strand in Arica (Chile), wo die Wüste auf den Pazifik trifft und die Surfer sich mit grünem Sunblocker in die Wellen stürzen. Antofagasta und weiter nach Valparaíso, Hafenstadt voller bunter Holzhäuser, Künstler, Musik und Bohème-Flair, in der man (wie in Spanien) an Silvester sonnengelbe Unterhosen trägt für Wohlstand und Reichtum im neuen Jahr.

Isla del Sol

Antofagasta

Über die Anden nach Mendoza und zuletzt nach Buenos Aires, die Grande Dame Argentiniens mit abblätterndem Rouge und bewegter Vergangenheit. Schwüle Hitze in den Kopfsteinpflastergassen von San Telmo, cafecito und medialunas (Croissants) in schnörkeligen Cafés am Straßenrand, Trödeltaumel und Buchläden bis zum Horizont. Ich hätte ewig bleiben können.

Trödel in San Telmo

Zifones

Was von diesen Wochen bleibt, sind Erinnerungsfetzen, ein paar Fotos, vorbeiziehende Landschaften, Sommergewitter. Gute Gespräche über das Leben. Ein denkwürdiger Sonnenbrand. Ein wachsendes Baby im Bauch, das ständig Schluckauf hat…

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Ein Dorf in den Bergen

Calderilla – ein Dorf ein den Bergen. 30 Häuser verstreut zwischen ein paar Bäumen, mit Steinen ummauerten Feldern und viel Geröll. Ein Riese muss hier gespielt haben mit den Steinen, überall liegen sie abgebrochen, hingeworfen, aufgehäuft. Die Wolken hängen tief, wie ein Deckel auf einem Topf schließen sie das in einem Tal liegende Dorf zu.

Bis heute ist das Dorf von der Stadt und der Tiefebene fast abgeschnitten, es gibt nur den uralten Camino del Inca hoch zu den Dörfern an den Lagunen und hinunter nach Pinos Sud und von dort nach Tarija. Vor vier Jahren hat man eine notdürftige Straße aus dem Geröll gehauen, sie führt in Serpentinen hoch ins Altiplano. Die Bewohner Calderillas benutzen nach wie vor Esel, um Lebensmittel oder Baumaterial in ihr Dorf zu transportieren. Es gibt keinen Strom und die Lehmöfen werden mit Holz befeuert. Calderilla gehört zu den ärmsten Dörfern in einer der reichsten Provinzen Boliviens. Man hat uns vergessen hier zwischen den Bergen, sagen die Dorfbewohner. Immerhin sind vor kurzem Wasserleitungen verlegt worden – so müssen sie nicht mehr zum Fluss hinunter, um Wasser zu holen. Es ist still hier, nur ein paar Vögel zwitschern. Ein Pferd schnaubt. In der Luft ein Condor. Weiterlesen

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Knorrige Gestalten und rosa Gefieder

Wir begleiten José Alvaro, den jungen Chef der guardaparques / Parkranger im Schutzgebiet Cordillera de Sama, auf seiner 3-tägigen Tour hoch ins Altiplano. Direkt hinter Tarija steigen die trockenen Berge faltig hinauf gen Himmel, bis hoch auf 4700 Meter. José hat dort einige Dinge zu erledigen – mit Ingenieuren sprechen, die die Straßen dort oben inspizieren und ausbauen wollen, einen Handymast reparieren, Dorfbewohner dafür gewinnen, die langbeinigen und zartbewimperten Vicuñas (eine wild lebende Lama-Art) einzufangen, zu scheren und ihr nachgefragtes Fell zu verkaufen, anstatt die Tiere zu jagen und zu verzehren. Außerdem warten die vier guardaparques bereits auf ihn, die derzeit in der windgepeitschten Ebene leben und arbeiten.

Reserva de Sama

Es ist ein einfaches, karges Leben, das die Männer dort oben führen und das wir in den nächsten Tagen kennenlernen. Stundenlange Patrouillen mit Allradwagen (wenn José da ist) oder Motorrädern, Coca, Alkohol und derben Witzen. Seit 5 Monaten wohnen Don Antenor und Gavino im campamiento, einer einfachen Schutzhütte oben auf einem Bergkamm. Sobald die Sonne hinter den Bergen verschwindet, zieht die Kälte durch alle Ritzen. Wasser gibt es nur aus Kanistern. Morgens um 5 stehen die Männer auf, werfen den Generator an, übertragen einige Notizen vom Vortag in den Computer. Don Antenor kocht eine deftige Suppe aus Kartoffeln, Reis, Nudeln, Möhren und getrocknetem Fleisch. Dazu ein starker Kaffee – ein wortkarges Frühstück, das den ganzen Tag vorhalten muss.

Tagsüber füllen die Männer ihre Wangen wie Vorratskammern mit Coca – die bola, die typische Kugel in einer der Backen, wird den ganzen Tag nicht verschwinden. Das bittere Kraut hemmt ihren Hunger und Durst und lässt sie die Strapazen der Arbeit leichter nehmen. Ein paar Schlucke aus der kleinen Plastikflasche mit dem 97%igen-Alkohol und – ya listo. Abends gibt es den Rest Suppe zu essen. Gavino füllt das Logbuch in fein säuberlicher, winziger Handschrift mit ein paar Notizen zum Tag. Mehr gibt es nicht zu tun. Um halb acht liegen alle unter dicken Wolldecken in ihren knarrenden Betten. Ums Haus pfeift der Wind.

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Unter Weinreben

Tarija. Man nennt es das Andalusien Boliviens – es scheint so gar nicht in das Bild von kargen, windgepeitschten Landschaften voller Lamas und Cholitas, den Damen mit den vielen Röcken und der Melone auf dem Kopf, zu passen. Das Klima ist mediterran, in der Umgebung wird Wein angebaut und die Röcke der indigenen Frauen reichen gerade bis übers Knie. Auf dem Kopf tragen sie fesche Strohhüte und ähneln mit ihren stets geflochtenen schwarzen Zöpfen, die bis zur Hüfte reichen, adretten Schulmädchen in Neuengland in früheren Zeiten. Nur wettergegerbter.

Mattes forscht hier bzw. in der nah gelegenen Reserva de Sama, einem auf 2000 – 4700 Meter hoch gelegenen Naturschutzgebiet, zu Wassermanagement. Wir wohnen bei einer älteren Dame namens Elbarosa, die uns mit ihrer Fürsorge nur so überschüttet. Sie hat viele Jahre in Genf gelebt und dort als Haushälterin bei einem UN-Botschafter gearbeitet. Quiero volver, sagt sie immer wieder, ich will zurück. An Europa hängt ihr Herz. Davon zeugen auch die vielen Karten und Bilder in den Zimmer, das wir gemietet haben für die Zeit, die wir hier sind.

Uruguay sei auch eine Option, sagt sie. Aber Bolivien gefalle ihr nicht. Warum, fragen wir. Es tan desorganizado, antwortet sie. Y sucio. Wohl darum blitzt ihr Patio umso sauberer – jeden Morgen schrubbt sie die terrakottafarbenen Fliesen mit einer Inbrunst, als ob sie den Schmutz Boliviens, den sie überall sieht, stellvertretend wegbürsten müsse.

Ein Dach aus grünen Weinreben hängt über dem Patio und spendet willkommenen Schatten. Morgens frühstücken wir unser Müsli dort, während Lorita, Elbarosas grüner Papagei, im Haus krächzt und gluckernd lacht wie ein kleines Kind. Manchmal pfeift er Mattes anzüglich hinterher oder plärrt lautstark „Maaaaamaaaa!“, bis Elbarosa ihm die gewünschte Aufmerksamkeit zuwendet. Weiterlesen

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3000 Meter in die Tiefe

Wir fahren übers Wochenende nach Coroico. Nur 90 Kilometer von La Paz entfernt liegt das kleine Dorf 3000 Meter tiefer in den grün dampfenden Yungas. Um dorthin zu gelangen, kämpfen sich die Minibusse und Autos zunächst auf den 4650 Meter hohen Pass La Cumbre, um dann in die Tiefe zu rollen. Bis Ende 2006 war dies ausschließlich über  die berühmt-berüchtigte Carretera de la muerte möglich, die jahrelang als die gefährlichste Straße Lateinamerikas galt.

Kreuze am Straßenrand und Wagendächer, die aus gähnender Tiefe in der Sonne aufblitzen, zeugen davon, dass viele diese Strecke nicht überlebt haben. Die nur einspurig befahrbare Schotterpiste, die in den 1930er Jahren von paraguayanischen Kriegsgefangenen aus dem Chacokrieg aus den Felswänden gesprengt wurde und leitplankenlos an klaffenden Abstürzen entlangführt, war jahrelang die einzige Verbindung zwischen dem tropischen Tiefland und La Paz. Schwere Lastwagen transportierten Früchte und Tropenhölzer in die Hauptstadt. Da sie, wenn sie erst einmal am Hang zum Stehen gekommen sind, nicht wieder anfahren können, müssen die von oben kommenden Wagen zur Abgrundseite hin ausweichen. Bis heute ist die alte Piste damit die einzige Straße Lateinamerikas mit Linksverkehr.

Las Yungas - oder Macondo?

Seit vier Jahren führt nun eine zu großen Teilen asphaltierte Straße auf der anderen Seite der Berge ins Tiefland. Über die Carretera de la muerte jagen zumeist nur noch abenteuerlustige Touristen mit Mountainbikes hinab und einige wenige Wagen, die direkt nach Coroico wollen.

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La Paz – Stadt in den Wolken

Blick in den Kessel von La Paz

Ich habe gut vorgesorgt. Habe süße Bonbons parat, für den Zuckerspiegel. Kaugummi, für den Druck auf den Ohren. Mindestens 2 Liter Wasser intus, gegen mögliche Kopfschmerzen. Als ich dann in El Alto lande, auf 4100 Meter Höhe, passiert – nichts. Kein Schwindelgefühl, keine Übelkeit, keine Kopfschmerzen, lediglich ein erhöhter Adrenalinspiegel, weil der Blick auf La Paz vom Flugzeug aus phänomenal war. Waren all die Hinweise auf die soroche, die Höhenkrankheit, vielleicht übertrieben? Oder bin ich ein Kuckucksei unter den Flachlandeiern? Nach 20 Jahren im Münsterland, wo man bereits sehen kann, wer in drei Tagen zu Besuch kommt, 7 Jahren im platten Bremen und einem Jahr im ebenso platten Berlin hätte ich schon eine spektakulärere körperliche Reaktion bei der Ankunft in der Stadt zwischen den Wolken erwartet…Nach einer Woche hier jedoch weiß ich: beim Hinaufgehen steiler Straßen oder der paar Treppenstufen zur Wohnung merkt man sie dann doch, die Höhe. Der Atem galoppiert im Hals, die Beine schleppen sich kiloschwer vorwärts. Da hilft nur langsam gehen. Langsam atmen. Langsam den Blick über diese großartige Stadt schweifen lassen, die wie ein aufquellender Hefeteig über die Wände des kargen felsigen Kessels klettert, bis hoch nach El Alto.

Viele Menschen - viele Klingeln. Calle Jaen

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Beseelte Schmetterlinge in Michoacán

Michoacán, Bundesstaat im westlichen Zentralmexiko. Hier liefern sich Drogenkartelle wie „Los Zetas“ und „La Familia“ einen erbitterten Kampf um die lukrativen Drogen-Schmuggelrouten in die USA und nach Europa. Das für seine Brutalität berüchtigte Kartell „La Familia“ kontrolliert große Teile der Region. Es übernimmt staatliche Aufgaben wie den Bau von Schulen und Kirchen, treibt großzügige Steuern ein und lässt Gegner foltern und ermorden – ähnlich der Mafia-Familien im südlichen Italien. Regelmäßig werden hier nicht kooperationswillige Bürgermeister der Provinzstädte ermordet und ihre Köpfe auf dem Plaza Zócalo aufgespießt – so sagt man. Aber das erfahre ich glücklicherweise erst später.

Friedhof in San Felipe, Michoacán

In Michoacán begegnet einem der Tod auch auf eine freundlichere Weise. Jedes Jahr Anfang November feiern die Menschen der Region den día de los muertos (Allerseelen). Während in Deutschland jedoch nur wenige zum Friedhof gehen, um die welken Blätter vom Grab zu klauben und ein paar bescheidene Stiefmütterchen niederzulegen, hat der día de los muertos in Lateinamerika und besonders in Mexiko einen besonderen Stellenwert. Tagelang feiern die Menschen die tröstliche Vorstellung, dass die Toten zurückkehren, um ihre Familien zu besuchen. Die meisten sind ohnehin der festen Überzeugung, dass sie weiterhin unter den Lebenden weilen – wenn der Haustürschlüssel zum Beispiel wieder einmal nicht zu finden ist, steckt vermutlich der vor Jahren verstorbene Ehemann dahinter, der seinen Schabernack mit den Hinterbliebenen treibt. Weiterlesen

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Ankunft in D.F. – Ciudad de Mexico

Während in Berlin die Bäume allmählich ihre Blätter abwerfen, der Wind schneidender wird und die Bewohner der Stadt ihre Mantelkrägen hochschlagen, bin ich unterwegs nach Mexiko für ein Seminar des Freiwilligendienstes „kulturweit“.  Nach Zwischenstopps in London und Dallas, wo ich trotz Transits aufwendige Einreiseformalitäten über mich ergehen lassen muss („Was wollen Sie in Mexiko? Was haben Sie in Ihrem Gepäck? Bitte einmal hier hinüber zum Augen- und Fingerscan“) erreiche ich spätabends Mexico-City – kurz D.F. (Districto Federal). Das Lichtermeer unter mir erstreckt sich bis zum Horizont – 33 Millionen Menschen leben hier. Feuerwerkskörper explodieren in dreidimensionalen Formen in der Ferne. Weiterlesen

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